Volker Buchloh - Duell der Mörder

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In Schermbeck (Niederrhein) wird die Leiche einer dunkelhäutigen Frau aufgefunden. Der Körper ist oberflächlich entsorgt worden, Die Enträtselung des Mordfalls erscheint einfach, weil sich die Asylbewerberin prostituierte, und einige Freier durchaus ein Motiv haben. Dem ermittelnden Kommissar Mikael Knoop wird eine Kollegin vor die Nase gesetzt. Diese glaubt an eine schnelle Beförderung.
Je tiefer sich die Ermittlungen indes gestalten, um so langwieriger erweist sich der Ermittlungsweg. Immer deutlicher tritt nämlich ein anderes Mordmotiv in den Vordergrund. Der internationale Waffenhandel scheint auch von Schermbeck aus gesteuert zu werden. Als der Auftraggeber des Mordes bekannt ist, wird dieser ermordet. Schnell stellt Mikael Knoop fest, es muss einen weiteren Mörder geben. Während die Polizei nun gleichzeitig gegen zwei Verdächtige ermitteln muss, haben auch die beiden Mörder ein gemeinsames Problem miteinander. Sie können es nur lösen, wie sie gelernt haben Probleme zu lösen: Durch Mord.

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Knoop schüttelte den Kopf. „Das bringt uns nicht weiter. Wir haben nichts in der Hand außer einem Streit mit Schlagwaffen. Glaubst du Abdulbaki Kiryiaki gibt den Mord zu, wenn du ihm den vorwirfst? Wir brauchen vorweg Fakten. Wir fahren ins Präsidium und checken mal die Namen auf deiner Aufzeichnung.“ Er drehte sich zu dem Hausmeister um. „Danke erst mal für Ihre Mithilfe. Wie können wir sie erreichen?“

Laurenzo tippte die Telefonnummer ins Adressbuch.

Werner Niedrighaus verschwand zu seinem Arbeitsplatz.

Kaum hatte Niedrighaus sich entfernt, da zischte Höfftner: „Typisch Männer! Ich werde wohl gar nicht gefragt? Wie? Die Herren bestimmen wohl alles alleine.“

Knoop zuckte mit den Achseln, „Du kannst ja gerne die fünf Figuren einvernehmen.“

Um zur Wohnung von Benjamin Schnittler zu gelangen, musste man auf die andere Seite der Gemeinde. Höfftner fuhr voraus, Laurenzo und Knoop folgten. Die Navigationshilfe führte sie kreuz und quer durch enge Straßen. Als die Computerstimme das Ziel ihrer Fahrt ansagte, befand sich der Konvoi inmitten eines Neubaugebietes. Benjamin Schnittler wohnte im oberen Stockwerk eines Zweifamilienhauses mit dunklem Klinker. Man ließ der Frau den Vortritt. Aber je drängender Höfftner klingelte, um so stiller waren die Geräusche in der Wohnung. Nachdem Ingrid den Finger auf dem Klingelbalken beließ, meldete sich die Bewohnerin der Parterre. Aber sie wusste nicht, wo Schnitter sich momentan aufhielt. Knoop war froh, als die beiden anderen dem Abbruch dieser Aktion zustimmten.

Duisburg Dellviertel, 11. Mai

Der Weg der Drei trennte sich vor dem Gebäude des Präsidiums. Man war mit zwei Autos hierher gefahren. Höfftner und Laurenzo in dem einen, Knoop allein in dem anderen. Höfftner war die ganze Fahrt über still gewesen. Auch Carlos hing seinen Gedanken nach. Mikael Knoop hatte während der Fahrt überlegt, wie er sich bei dieser neuen MK verhalten sollte. Ihm widerstrebte es, von dieser Frau Anweisungen zu bekommen. Am liebsten arbeitete er selbstständig, wenn er auch einsah, dass Ermittlungen immer ein Teamspiel war. Aber die Vorgehensweise von Ingrid Höfftner hielt er für wenig zweckdienlich. Solange van Gelderen keine eindeutigen Anweisungen über die Leitung der Kommission getroffen hatte, beschloss er, das zu tun, was er für richtig hielt. Und er hielt die Beschaffung von Informationen für dringlich. Knoop teilte den beiden anderen mit, dass für ihn nun Computerarbeit angesagt war. Höfftner zögerte einen Moment. Ihre Lippen verkürzten sich zu einem blassroten Strich, dann gab sie vor, heute genug getan zu haben. Im Grunde sträubte sich alles in ihr, Knoop den weiteren Ablauf der Ermittlung bestimmen zu lassen. Bei dieser Computerarbeit wollte und musste sie nicht dabei sein. Kommentarlos drehte sie sich um und war bald zwischen den parkenden Autos verschwunden.

„Boäh!“, stieß Laurenzo nach einigen Schritten heraus. Er hielt beide Hände so, als müssten diese Einkaufstüten vor dem Zerreißen bewahren. „Die hat aber Holz vor der Hütte. Nicht wahr?“

Mikael runzelte die Stirn. „Ich weiß nicht, was gut daran sein soll. Du fummelst nur fünf Minuten daran, hast also nur fünf Minuten Spaß. Sie aber muss die Brüste den ganzen Tag herumtragen. Ich weiß nicht, was daran schön sein soll?“ Er zuckte mit den Schultern.

Laurenzos Grinsen verschwand. „Ach, ist doch auch egal. Komm, erzähle mal, wie war dein Wochenende?

Auf dem Weg zu ihrem Dienstzimmer hatten sie Zeit genug über das angenehme Thema Wochenende zu reden. Ihr Dienstzimmer lag im ersten Stock und bot, wie viele Dienstzimmer Platz für zwei Arbeitsplätze. Die Fenster gaben den Blick auf die Düsseldorfer Straße frei. Diese war eine vierspurige Allee, welche die Innenstadt von Duisburg mit Düsseldorf im Süden verband. Die Wände waren in einem hellen Beige gestrichen. Man hatte die hohen Decken abgehängt und dort moderne Deckenleuchten platziert. Auch das Mobiliar war aus einer Stahl-Kunststoff-Kombination. All dies war möglich geworden, weil die Stadt Duisburg ihre öffentlichen Gebäude einer Verwaltungsgesellschaft übereignet hatte, die zu Hundert Prozent Eigentum der Stadt war. Auf diese Weise kam die finanziell klamme Stadt an Gelder, die dann zu Investitionen wie diese Raumeinrichtungen genutzt wurden. Andere Kommunen hatten ihre Kanalisation in die USA verkauft und zurückgepachtet, um notwendige Investitionen überhaupt vornehmen zu können. Duisburg hatte diesen Weg gewählt.

Laurenzo überspielte die Sprachdatei über seinen Rechner an den Server. Während die Technik arbeitete, notierte er für Mickey die Namen der genannten Flüchtlinge in einer gesonderten Datei. Dann stand er plötzlich vor Knoops Schreibtisch.

„Du, Mickey, hast du was dagegen, wenn ich heute mal früher Schluss mache? Heute ist schließlich Sonntag und ich habe noch eine Reihe von Dingen zu erledigen. Außerdem, die nächsten Tage werden erwartungsgemäß...“

Mikael schaute von seinem Bildschirm auf. Er kniff die Augen zusammen. „Klar doch. Verschwinde!“

Knoop war alleine. Das war ihm lieb. Er kannte sich in dem Metier des Asyls überhaupt nicht aus. Er wusste nur von einem Grundrecht auf Asyl. Das wurde nur politisch Verfolgten zugestanden. Die Flüchtlingsverwaltung nahm den Asylantrag an, prüfte die Fakten und entschied nach Aktenlage. Bei Widerspruch auf diesen Bescheid entschied ein Verwaltungsrichter, welche Rechtsposition zu gelten hatte. Bekam man diesen Status zugestanden, dann öffneten sich die Türen des deutschen Sozialstaates. Dieser Anreiz zog Flüchtlinge an, die eigentlich nur aus wirtschaftlichen Gründen Asyl beantragten, sich aber als politisch verfolgt ausgaben. Das Problem lag darin, beides von einander zu unterscheiden. Dieses Allgemeinwissen reichte für seine Ermittlung bei weitem nicht aus. Deshalb fürchtete er, sich zu blamieren. Vor allem bei Ingrid Höfftner. In seiner Ausbildung zum Kommissar hatte man ihn über dieses Grundrecht informiert. Aber mehr war nicht in seiner Erinnerung. Nun brauchte er weitere Informationen aus dem Internet. Genauere Informationen waren hier gefragt. Er surfte in unterschiedlichsten Dateien. Das Recht auf Asyl stellte das BAMF, das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, fest. Es hatte jede Menge Zweigstellen. Wo sich diese befanden interessierten ihn im Moment nicht. Er übersprang diese Seiten. Allein, dass es diese Information gab, genügte ihm. Das BAMF entschied in mündlichen Anhörungen, ob der Antrag auf Asyl gerechtfertigt war. Schon ein Drittel dieser Befragungen endete mit einem abschlägigen Bescheid. Interessant. Hier mussten dann die Abgelehnten vor dem Verwaltungsgericht klagen oder wurden abgeschoben. Da, der zeitliche Aspekt war interessant. Das Asylverfahren selbst dauerte. Die Betroffenen hatten zu warten. Warten, man konnte auch sagen 'Zeittotschlagen', war wohl auch der Grund für den weitverbreiteten Alkoholismus unter den Antragstellern. Er hatte einige von denen heute ja gesehen. Der Grund für die Schlägerei zwischen Kharadel und Okolele konnte auch Alkoholkonsum gewesen sein.

Dann stieß Knoop auf die Unterscheidung von Migration und Zuwanderung, die er auch nicht kannte. Zuwanderer kamen aus den Mitgliedsstaaten der EU. Jeder Europäer, genauer jeder Bürger der EU, hatte das Recht auf freie Wahl des Wohnortes. Häufig wurde diese Wahl aber nicht durch Freiheit bestimmt, sondern von den Geldern, welche die Sozialkassen am üppigsten ausschütteten. Migranten hingegen kamen von außerhalb der Union. Nicht alle beantragten Asyl und wurden unmittelbar darauf abgeschoben. Denn es gab noch Flüchtlinge, die offiziell in Deutschland leben und arbeiten wollten. Wirtschaftsflüchtlinge wurden diese genannt. Und dann gab es noch die Illegalen.

Das Asylverfahren von Nomfunda Mafalele dauerte schon fünf Monate. In Kenia hatte sie ihren Aufenthaltsort mit Wajir angegeben. In einem Kartenprogramm fand er die Stadt im nördlichen Teil des Landes, nicht weit von der somalischen Grenze entfernt. Als Grund für ihr Asyl hatte sie die Verfolgung durch die herrschende Regierung in Nairobi angegeben. Sie gab sich als friedliebenden Menschen aus. Man verfolgte sie politisch, weil sie gegen die Benachteiligungen in ihrer Heimat protestiert hatte. Die Anerkennungsquote für Verfolgte aus Kenia lag bei 12 Prozent, ein sehr geringer Anteil. Als Beleg gab sie mehrere Aufenthalte in Gefängnissen an, deren Namen Knoop im Moment nichts sagten. Er hatte auch wenig Interesse, diese in der Karte des Landes zu suchen. Von Folter und Misshandlungen war dabei die Rede. Das Deutsche Konsulat in Nairobi war eingeschaltet, um diese Aussagen zu überprüfen. Eine Antwort darauf war in den Unterlagen nicht zu finden.

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