»Trage ihn! Komm!«
Fuchs zog sich in den Lüftungsschacht. Er war verräuchert und stockfinster. Hustend griff er nach dem bewusstlosen Nodon. Der Schacht kann nicht allzu lang sein, sagte er sich. Wir sind unterm Dach. In der Nähe muss es einen Ausstieg geben.
Kriechend, hustend und mit brennenden Augen, aus denen Tränen strömten, schleppte er den schlaffen Körper von Nodon durch den Schacht. Die Metallwände waren heiß, aber er kroch unverdrossen weiter. Er wusste, dass er einen Weg aus dem Gebäude finden musste oder bald tot sein würde.
Der Sicherheitschef starrte auf die Monitore und versuchte zu erkennen, was im Dämmerlicht der oberen Halle vorging. Das einzige Licht kam von den flackernden Flammen. Die Einbrecher waren in Bewegung — da war er sich sicher —, doch war es fast unmöglich, Einzelheiten im Rauch zu erkennen. Sogar die Infrarotkameras waren jetzt praktisch nutzlos. Ein paar Vorhänge brannten, und die Flammen überlasteten die empfindlichen Fotozellen der Überwachungskameras. Alles, was er sah, waren überbelichtete Flammen und pechschwarze huschende Schemen. Das Feuer ist auf die obere Halle begrenzt, wie er beim Blick auf die anderen Bildschirme sah. Glück im Unglück. Ich werde wahrscheinlich kündigen müssen, wenn das hier vorbei ist. Falls Humphries mich nicht von sich aus feuert.
Humphries schritt das große Schlafzimmer ab und murmelte: »Das gefällt mir nicht. Ich will nicht hier drin eingesperrt sein.«
Victoria Ferrer unterdrückte ein süffisantes Grinsen. Er hat wirklich Angst, sagte sie sich. Normalerweise würde er mir den Bademantel vom Leib reißen und mich aufs Bett drängen, wenn wir uns in seinem Schlafzimmer eingeschlossen hätten.
»Die Warterei gefällt mir nicht«, sagte er lauter.
»Sehen Sie es mal so«, sagte sie, ohne sich vom Stuhl zu erheben. »Fuchs kommt in den Flammen um. Wenn die Brandschutztüren sich wieder öffnen, können Sie rausgehen und über seiner Leiche triumphieren.«
Er nickte, aber rein mechanisch. Der Gedanke an den Sieg über Fuchs überwog offensichtlich nicht seine kreatürliche Angst.
Fuchs' Lungen brannten. Die metallenen Wände des Belüftungsschachts heizten sich immer stärker auf, während er blind durch die Röhre kroch und Nodons reglosen Körper mit einer schmerzverkrampften Hand nachzog. Er sah weder Amarjagal noch Sanja hinter sich. Er wusste nicht einmal, ob sie überhaupt noch da waren. Seine ganze Welt war nun auf diese rauchgeschwängerte, glutheiße Hölle beschränkt.
Durch tränenerfüllte Augen sah er ein Licht vor sich. Das kann nicht sein, sagte er sich. Ich halluziniere schon. Der Garten ist noch im nächtlichen Beleuchtungs-Modus. Er kann nicht so hell erleuchtet sein …
Das Herz krampfte sich in seiner Brust zusammen. Wenn die Wachen die ganze Außenbeleuchtung eingeschaltet haben! Fuchs ließ Nodon und die anderen zurück und robbte wie ein Dachs durch den schräg nach oben verlaufenden Schacht. Licht! Luft! Er stieß mit dem Kopf gegen ein metallenes Gitter und spürte, wie göttlich kühle Luft über sein erhitztes rußiges Gesicht fächelte. Der Rauch strömte aus. Frische Luft drang herein.
Mit den bloßen Händen hieb Fuchs gegen das Gitter, schlug dagegen, bis die Fingerknöchel wund waren und bluteten, stieß mit dem Kopf dagegen und hebelte es schließlich auf, indem er sich mit den Füßen gegen die Schachtwände stemmte, mit der Schulter ansetzte und mit ganzer Kraft gegen das dünne Metall drückte. Endlich gab es nach.
Er sog gierig die frische Luft ein und wischte sich mit den schmutzigen Händen die Augen trocken. Dann tauchte er wieder in den Schacht ein, packte Nodon am Kragen seines Overalls und zog ihn aufs Dach hinauf. Amarjagals Kopf tauchte hinter Nodons Stiefeln auf. Sie war auch schmutzig und von Ruß geschwärzt. Aber sie lächelte und zog sich aus dem Schacht.
»Duck dich«, zischte Fuchs. »Die Wachen werden auf dem Grundstück patrouillieren.«
Nun kam auch Sanja zum Vorschein und robbte zu Fuchs herüber. Sie ließen den Blick über den herrlichen Garten mit seinen Bäumen und blühenden Büschen schweifen, der direkt ans Haus angrenzte.
Und es gab Wachen dort unten, die mit automatischen Waffen ausgerüstet waren und Schießbefehl hatten.
»Sie da!«, schrie die Wache. »Hören Sie sofort auf damit, oder ich schieße!«
Pancho erinnerte sich, dass die Halskette im verdammten Softsuit steckte. Sie war fürs Erste unerreichbar. Sie konnte sie sich nicht vom Hals reißen und dem Trottel an den Kopf werfen. Ich hätte wahrscheinlich auch gar nicht die Zeit dazu, bevor er mich abschießt, sagte sie sich. Sie stand langsam auf, hob beide Hände über den Kopf und stieß den Laser leicht mit dem Stiefel an. Er war noch eingeschaltet und bohrte unverdrossen ein Loch in den Wabenkern-Schild außerhalb der Kuppelwand.
»Wer sind Sie?«, fragte die Wache scharf und ging langsam um den Minischlepper herum, wobei er eine Pistole auf Panchos Bauch gerichtet hatte. Er sah wie ein Afrikaner aus, sprach aber wie ein Engländer. »Und was, zum Teufel, tun Sie da?«
Pancho zuckte im Softsuit die Achseln. »Nichts«, sagte sie mit einem unschuldigen Blick.
»Mein Gott!«, schrie die Wache, als sie das Loch in der Kuppelwand sah und den hellen roten Punkt, den der Laser auf dem Wabenkern-Schild warf. »Drehen Sie dieses Ding ab! Sofort! Wissen Sie denn nicht, dass Sie …«
In diesem Moment riss der Wabenkern auf, und ein Luftstrom schleuderte Pancho gegen die Wölbung der Kuppelwand. Die Wache taumelte, war aber so geistesgegenwärtig, um zu begreifen, was geschah. Der Mann drehte sich um und lief so schnell davon, wie er konnte — was nicht allzu schnell war, denn er musste sich gegen einen orkanstarken Wind stemmen, der durch das von Pancho gebohrte Loch entwich.
Die Lautsprecher plärrten erst auf Japanisch und dann in einer anderen Sprache, die Pancho nicht verstand. Sie rutschte auf dem Boden durch die Bresche; in der Hoffnung, dass der Softsuit sich nicht an der gezackten Kante des vom Laser gefrästen Loches verfangen und reißen würde.
Draußen ließ sie den Blick über die öde Mondlandschaft schweifen. Die Kuppel ruhte auf dem Kamm der Ringwallberge, die Shackleton umkränzten. Das Terrain fiel zum Kraterboden hin ab. Nichts zu sehen außer Felsen und kleinen Kratern, von denen die meisten nicht größer waren als kleine Gruben im steinigen Boden, nicht größer als Abdrücke von Fingerkuppen. Verflucht, sagte Pancho sich. Ich bin auf der falschen Seite der Kuppel.
Ohne zu zögern lief sie los und suchte nach den Startrampen. Sie war nun doch froh, dass sie diesen Raumanzug trug. In den alten Hartschalenanzügen glich die schnellstmögliche Fortbewegung dem gemächlichen Schlurfen von Frankensteins Monster.
Der Wache wird schon nichts passieren, sagte sie sich. Es gibt viel Luft in der Kuppel. Man wird das Leck abdichten, bevor jemand ernstlich in Gefahr gerät. Sie grinste und lief in stetem Trab weiter. Während sie den Schaden zu beheben versuchen, den ich angerichtet habe, schnappe ich mir eins der Raumboote und fliege nach Hause.
Ein lindgrüner Farbklecks erschien auf der linken Seite des Helms. ›Strahlenwarnung‹, sagten die Ohrhörer. ›Die Strahlungswerte überschreiten das zulässige Maximum. Suchen Sie unverzüglich einen Schutzraum auf.‹
»Ich versuch's!«, sagte Pancho und staunte über die Intelligenz des Anzugs.
Sie hatte kaum ein Dutzend Schritte zurückgelegt, als die Farbe von Pastellgrün zu Kanariengelb wechselte.
›Strahlungswarnung‹, sagte der Anzug erneut. ›Die Strahlungswerte überschreiten das zulässige Maximum. Suchen Sie unverzüglich einen Schutzraum auf.‹
Pancho knirschte mit den Zähnen und fragte sich, wie sie den Stimmensynthesizer des Anzugs abzustellen vermochte. Von den Startrampen war noch nichts zu sehen.
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