Die Maske des Mannes saß etwas schief. Er schob die Kappe zurück und enthüllte eine Linie, die der Gummizug auf der Stirn hinterlassen hatte.
»Tsavo sollte sie hierher bringen«, sagte er.
»Sie müssten längst hier sein«, sagte Nobuhiko.
»Vielleicht sind sie …« Der Mann zögerte.
»Sie sind was?«
»Sie haben nach ihrer ersten Begegnung in Selene eine Nacht zusammen verbracht. Vielleicht sind sie gerade … miteinander im Bett.«
Eine der maskierten Frauen kicherte.
Nobuhiko war nicht amüsiert. »Schicken Sie jemanden los, um sie zu suchen. Sofort!«
Pancho hatte sich die Reisetasche unter den Arm geklemmt und marschierte zügig den Gang entlang. Sie versuchte sich an den Weg zu erinnern, den sie genommen hatte, als Tsavo sie auf diese Ebene herunterbrachte. Teufel, sagte sie sich, es ist erst ein paar Stunden her, aber ich bin mir nicht mehr sicher, aus welcher Richtung wir kamen. Mein Gedächtnis ist futsch.
Sie erinnerte sich an den Tarnanzug, in dem sie sich vor so vielen Jahren in Humphries' Herrenhaus geschlichen hatte. Einen Tarnmantel könnte ich nun gut gebrauchen, sagte sie sich, als sie auf der Suche nach Überwachungskameras den Blick über die Decke schweifen ließ. Sie sah zwar keine, aber sie wusste, dass das nichts heißen wollte. Die Kameras konnten auch versteckt sein.
Sie machte zwei Metalltüren am Ende des Ganges aus. Der Aufzug! Pancho eilte hin und lehnte sich gegen den in der Wand eingelassenen Knopf.
Nun wird sich zeigen, ob sie mich beobachten. Wenn der Aufzug funktioniert, heißt das, dass sie von meiner Flucht noch nichts wissen.
Die Aufzugtüren glitten auf, und Pancho betrat den Fahrstuhl. Erst als die Türen sich wieder schlossen und der Aufzug nach oben beschleunigte, wurde ihr bewusst, dass es sich vielleicht um eine Falle handelte. Teufel! Vielleicht wartet eine Armee von Wachen oben am Eingang auf mich.
Ein normaler Passagier, der zum Feisenratten-Habitat in Ceres reiste, hätte sich in der Enge des Fusionsschiffs schnell gelangweilt. Die Elsinore beschleunigte mit einem Sechstel Ge, damit der einzige Passagier sich in der vertrauten Schwerkraft des Mondes wohl fühlte. Doch wie alle Schiffe, die zwischen dem Mond und dem Gürtel verkehrten, war die Elsinore für den schnellen, effizienten Flugverkehr und nicht für touristischen Luxus gebaut. Es gab keine Unterhaltung an Bord außer den Videos, die von Selene oder der Erde übertragen wurden. Die Mahlzeiten wurden in der kleinen Bordküche serviert.
Edith aß mit dem Kapitän des Schiffes und einem seiner Offiziere, einer jungen Asiatin, zu Abend. Die Frau sprach wenig, hörte dem Passagier des Schiffes und ihrem Kapitän aber aufmerksam zu.
»Wir werden die Strahlenwolke morgen verlassen«, gab der Kapitän über seinem Teller mit Sojabratlingen und Pilzen gut gelaunt bekannt. »Ceres liegt abseits des prognostizierten Pfads der Wolke.«
»Sie scheinen sich deshalb keine Sorgen zu machen«, sagte Edith.
Er zuckte leicht die Achseln. »Nein, Sorgen mache ich mir nicht. Aber ich bin vorsichtig. Unser Strahlenschutzschirm funktioniert, sodass wir ungefährdet sind. Und morgen um diese Zeit müssten wir die Wolke verlassen haben.«
»Wird die Wolke den Gürtel überhaupt erreichen?«, fragte sie.
»O ja, sie ist so groß und intensiv, dass sie sich erst jenseits des Jupiter-Orbits verflüchtigt haben wird. Ceres wird nicht von ihr betroffen, aber die Hälfte des Gürtels wird von tödlicher Strahlung gebadet werden.«
Edith lächelte ihn an und richtete die Aufmerksamkeit auf ihr Essen aus gentechnisch gezüchtetem Karpfenfilet.
Nach dem Abendessen ging Edith in ihre Kabine und sandte per Laser eine Nachricht an ihren Mann in Selene. Dann nahm sie den ersten Teil der Dokumentation in Angriff, die sie geplant hatte.
Wie sie auf der winzigen Couch der Kabine saß, die Video-Kamera auf dem beweglichen Stativ neben dem Bett platziert, beschloss sie, auf das übliche Cheerleader-Lächeln von Edie Elgin zu verzichten. Kriegsberichterstattung war eine ernste Angelegenheit.
»Hier ist Edie Elgin an Bord des Fusionsschiffs Elsinore «, hob sie an, »und zum Asteroiden-Gürtel unterwegs, wo ein tödlicher und grausamer Krieg zwischen Söldnerarmeen großer Konzerne stattfindet. Ein Krieg, der bestimmen könnte, wie viel Sie für elektrische Energie und alle Dinge bezahlen müssen, die aus Rohstoffen aus dem Gürtel hergestellt werden.«
Sie erhob sich und ging langsam in der kleinen Kabine umher, wobei die Kamera ihr automatisch folgte und sie im Blick behielt.
»Ich werde die nächsten sechs Tage in dieser Kabine verbringen, bis wir Ceres erreichen. Die meisten Männer und Frauen, die zum Gürtel gehen, um als Bergleute, Prospektoren oder was auch immer zu arbeiten, reisen unter wesentlich unbequemeren Bedingungen.«
Edith ging zur Tür und in den Gang. Die Kamera rollte auf dem Stativ automatisch hinter ihr her und folgte ihr, als sie den Zuschauern das Innere des Fusionsschiffs zeigte. Während des Vortrags hoffte sie, dass dieser Abschnitt nicht zu langweilig wurde. Wenn ja, kann ich ihn kürzen oder ganz weglassen, sagte sie sich. Ich will die Zuschauer schließlich nicht langweilen. Das heißt, falls überhaupt jemand die Sendung sieht, wenn sie fertig ist.
Die Cromwell nahm in einem gemächlicheren Tempo Kurs auf den Gürtel und ließ sich von der Strahlenwolke einhüllen. Die fünfköpfige Mannschaft des Schiffs vermochte die Strahlung, die das Schiff umfing, weder zu spüren noch zu sehen — außer an den Zahlen, die der Computer von den Sensoren des Schiffs bezog.
»Der Schirm funktioniert gut«, wiederholte der Kapitän alle paar Minuten. »Funktioniert wirklich gut.«
Die vier Besatzungsmitglieder wünschten sich, dass er mal das Thema wechseln würde.
Schließlich tat er es. »Neuer Kurs: Azimuts achtunddreißig Grad, Steigung beibehalten.«
Eingehüllt in die Strahlenwolke steuerte die Cromwell Vesta an.
Plötzlich geriet Pancho in Panik und hieb auf die Tafel mit den Knöpfen im Aufzug. Der Fahrstuhl hielt schlingernd an, und die Tür glitt auf. Das infernalische Hämmern, Kreischen und Sägen der Bauarbeiten dröhnte ihr sofort in den Ohren, doch sie ignorierte den Lärm und durchquerte schnell die Baustelle.
Sie sah, dass sie noch nicht auf der obersten Ebene war — in der Kuppel, von wo aus eine Luftschleuse zu den im Freien abgestellten Raumbooten führte. Es muss auch eine Rampe nach oben führen, sagte sie sich hoffnungsvoll. Von den Aufzügen hältst du dich besser fern.
Ein Bauarbeiter, der einen orangefarbenen Schlepper fuhr, brüllte sie auf Japanisch an. Pancho verstand die Worte zwar nicht, erfasste aber ihre Bedeutung: Was, zum Teufel, tun Sie hier draußen? Gehen Sie dorthin zurück, wo Sie hergekommen sind!
»Genau das habe ich vor, Kumpel«, brüllte sie grinsend zurück. »Wo geht's hier nach oben?«
Der Leiter der Stützpunkt-Sicherheit schwitzte sichtlich. Nobuhiko schaute den schwarzen Mann finster an. »Also, wo ist sie? Sie muss doch irgendwo sein!«, blaffte er ihn an.
Yamagata hatte den Verhörtrupp in den albernen grünen Kutten zurückgelassen und war zum Büro des Sicherheitschefs geeilt. Unterwegs hatte er sich den Chirurgenkittel heruntergerissen, den man ihm gegeben hatte, und ihn zornig auf den Boden geworfen. Seine vier Leibwächter hasteten hinter ihm her.
Der Sicherheitschef stand hinterm Schreibtisch. Er wurde von einer Reihe von Bildschirmen flankiert, von denen die meisten dunkel waren.
»Sie war hier«, sagte er und hieb auf eine Tastatur, »und zwar mit Mr. Tsavo.«
Einer der Schirme wurde hell und zeigte Pancho und Tsavo im Schlafzimmer. Nobu sah, wie Pancho den Champagner verschüttete, zur Toilette ging — und dann explodierte der Bildschirm in gleißender Helligkeit.
Читать дальше