Pilya Braun bediente die Davits, als Martello und Lawler über Bord gingen. Die See war ziemlich ruhig, aber dennoch hüpfte und tanzte der leichte Gleiter unentwegt. Lawler malte sich bereits aus, wie er von einer stärkeren Welle ins Wasser geschleudert wurde. Er schaute nach unten und sah, wie die einzelnen Stränge des dicht an den Rändern des bereits geformten Schelfs in der Dünung schwangen. Und als sie näher an die Schiffswand getrieben wurden, glaubte er sogar, ganz genau zu sehen, wie einige dieser Stränge sich anhefteten.
Er konnte auch kleine, schimmernde bandförmige, sich windende, zuckende Organismen im Wasser erkennen. Würmer, Schlangen, vielleicht Aale? Sie sahen flink aus und sehr beweglich. Hofften sie auf eine Mahlzeit?
Der Sims widersetzte sich seinen Hackversuchen. Er mußte den Muschelschaber fest mit beiden Händen packen und mit ganzer Kraft abwärts rammen. Oft rutschte das Werkzeug wirkungslos an dem fremdartigen Bewuchs ab, mehrmals wäre es ihm fast aus den Händen geprallt.
»He, ihr da!« brüllte Delagard von oben. »Wir haben nicht genug von den Dingern, daß wir eins verlieren dürfen!«
Dann entdeckte Lawler eine Methode, wie er leicht schräg den Schaber zwischen die einzelnen Stränge der Wucherung bringen konnte. Er hackte das Zeug in großen Brocken ab, und es trieb davon. Er fand bald den richtigen Rhythmus und säbelte und säbelte. Der Schweiß perlte ihm über die Haut. Seine Handgelenke und Arme fingen an zu protestieren. Schmerz breitete sich bis zu seinen Achseln, in der Brust in den Schultern aus. Das Herz hämmerte wild.
»Mir reicht es«, sagte er zu Martello. »Jetzt übernimm du, Leo.«
Martello schien unermüdlich zu sein. Er hackte mit einer fröhlichen starken Unbekümmertheit und Kraft drauflos, die Lawler als demütigend empfand. Er hatte gedacht, daß er sein Teil recht gut geschafft hätte; doch Martello hackte in den ersten fünf Minuten soviel Zeug weg, wie Lawler in der ganzen Zeit geschafft hatte. Und während er da so wütet, dachte Lawler, baut er sich im Kopf bereits den ›Chopper-Gesang‹ seines Großepos zusammen.
Mit wilder Wut sodann und mühevoll
Mähten wir die Feinde nieder,
Doch sie wuchsen unentwegt. Mit Todesmut
Zerschlugen wir die üble Brut
Und grimmig hackten wir und schnitten…
Onyos Felk und Lis Nikiaus stiegen sodann in die Tiefe. Und danach waren Neyana und Sundira und dann Pilya und Gharkid an der Reihe.
»Das Teufelszeug wächst so schnell, wie wir es abschneiden«, sagte Delagard ärgerlich.
Aber dennoch machten sie Fortschritte. Große Teile der Überwucherung waren verschwunden. An einigen Stellen hatten sie den Bewuchs tatsächlich bis auf die ursprüngliche Seehirseschicht wegschneiden können.
Dann waren wieder Delagard und Kinverson an der Reihe. Sie hieben und hackten in teuflischer Wut drauflos. Als sie wieder an Bord waren, sahen die beiden Männer aus, als glühten sie vor Erschöpfung; sie waren über den Punkt bloßer Müdigkeit in eine Art transzendenten Zustand hinübergewachsen, und sie glühten vor Exaltation.
»Gehen wir, Doc«, sagte Martello. »Jetzt sind wir wieder dran.«
Martello schien entschlossen zu sein, sogar Kinverson zu übertreffen. Während Lawler sich abmühte, den Gleiter durch stetes, mühsames, betäubendes Treten stabil zu halten, fuhr Martello wie ein rächender Gott auf den vegetabilen Feind los. Wamm! Wamm! Er hob den Schaber hoch über den Kopf und ließ ihn beidhändig tief niederfahren. Wamm! Wamm! Gewaltige Teile der Wucherung splitterten ab und trieben davon. Und wamm! Jeder Hieb schien gewaltiger als der vorher. Der Gleiter schwankte heftig von Seite zu Seite, und Lawler kämpfte schwer, um das Kentern zu verhindern. Und wamm! Wamm!
Schließlich richtete sich Martello noch höher auf und ließ den Entenmuschelschaber mit entsetzlicher Kraft niedersausen. Er trennte einen gewaltigen Brocken ab, fast bis dicht an die Wandung des Rumpfes der Queen. Und das Stück löste sich wohl leichter, als Martello erwartet hatte. Denn er verlor erstens die Balance und zweitens den Schaber aus dem Griff. Er grapschte danach, verfehlte ihn, rollte nach vorn und hechtete mit einem großen Klatschen ins Wasser.
Lawler paddelte weiter und beugte sich hinaus, um ihm eine Hand hinzustrecken. Martello war inzwischen bereits etliche Meter vom Gleiter entfernt und schlug wild mit Armen und Beinen. Aber entweder sah er die helfende Hand nicht, oder seine Panik war dermaßen übermächtig und er begriff nicht, was er tun sollte.
»Schwimm auf mich zu!« rief Lawler. »Hierher! Leo, hierher!«
Aber Martello schlug nur weiter wild mit Armen und Beinen um sich. Sein Blick war glasig vor Schock. Dann wurde er plötzlich steif, als hätte ihn von unten her ein Dolch getroffen. Und dann begann er krampfhaft zu zucken.
Die Davits waren inzwischen wieder übers Wasser ausgeschwenkt. An ihnen baumelte Kinverson. »Runter!« befahl er. »Noch ein bißchen! So, das reicht! Nach links. Gut… Gut so!«
Er faßte den strampelnden Martello unter den Achseln und holte ihn heraus, als wäre der ein kleines Kind. »Und jetzt du, Doc!« sagte Kinverson.
»Du kannst uns doch nicht beide rausheben!«
»Los, mach schon! Hier!«
Kinversons anderer Arm klammerte sich um Lawlers Brust. Die Davits hoben sich, schwangen zurück an Deck. Taumelnd schwankte Lawler umher, als Kinverson ihn aus seiner Umarmung freigab, stürzte und landete schmerzhaft auf den Knien. Sundira war sofort bei ihm und half ihm hoch.
Martello lag als triefendes Fleischbündel schlaff und bewegungslos auf dem Rücken.
»Zurück!« befahl Lawler. Und winkte auch Kinverson beiseite. »Du auch, Gabe.«
»Man müßte ihn umdrehen und das Seewasser aus ihm rauspumpen, Doc.«
»Das Wasser macht mir keine Sorgen. Mach Platz, Gabe!« Lawler wandte sich an Sundira. »Du weißt doch, wo meine Instrumententasche ist? Das Skalpell und so? Hol es mir bitte rasch rauf an Deck, ja?«
Dann kniete er bei Martello nieder und machte seinen Oberkörper frei. Der junge Mann atmete, schien aber nicht bei Bewußtsein. Die Augen standen weit offen, waren aber ohne Ausdruck, blicklos. Immer wieder zogen sich seine Lippen zu einer scheußlichen Grimasse des Schmerzes zurück, und der ganze Körper wurde starr und zuckte, als schieße ein elektrischer Strom durch ihn hindurch. Dann wurde er wieder ganz schlaff.
Lawler legte die Hand auf Martellos Bauch und drückte fest. Er spürte eine Bewegung unter der Bauchdecke: ein Zucken, ein seltsames, unerwartetes Zittern unter dem straffen Muskelgewebe des Abdomens.
Ist da was Fremdes drin? Ja. Dieser verfluchte Ozean, dieses Ungeheuer schlich sich überall ein, wo man ihm nur die geringste Blöße bot. Aber vielleicht war es ja noch nicht zu spät, den Jungen zu retten, dachte Lawler. Ihn purgieren durch und durch, die Wunde verschließen, das war es, und so dafür sorgen, daß die Gemeinschaft nicht noch einen weiteren Verlust erleiden mußte.
Schatten beugten sich über ihn nieder. Alle drängten heran und glotzten. Sie sahen zugleich abgestoßen und fasziniert aus.
Lawler sagte scharf: »Verschwindet hier, ihr alle. So was wollt ihr bestimmt nicht mitansehen. Und ich will nicht, daß ihr mir dabei zuschaut!«
Keiner rührte sich.
»Ihr habt gehört, was der Doktor gesagt hat«, schnauzte Delagard. »Also weg da! Laßt ihn seine Arbeit tun.«
Sundira stellte seine Instrumententasche neben ihn.
Lawler betastete den Unterleib von Martello erneut. Ja. Da war eine Bewegung. Ein unverkennbares Zurückweichen. Ein Zucken, Zittern. Martellos Gesicht war hochrot, die Pupillen erweitert, und die Augen starrten in eine fremde Welt. Aus allen Poren lief fiebriger Schweiß.
Lawler holte sein feinstes Skalpell aus der Tasche und legte es aufs Deck. Dann legte er Martello beide Hände dicht unterhalb des Zwerchfells auf den Bauch und begann nach oben zu pressen. Martello stieß einen dumpfen Seufzer aus, und über seine Lippen sickerten dünn Seewasser und Erbrochenes. Nichts sonst. Lawler versuchte es erneut. Nichts. Aber unter seinen Fingern fühlte er wieder diese Bewegung, weitere Krampfbewegungen, erneutes gleitendes Ausweichen.
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