Mit einer vor Beschämung heiseren Stimme sagte Lawler: »Also ja, ich geb es zu. Es ist wegen Delagard.«
»Oh, verflucht noch mal, Val!«
»Tut mir leid.«
»Wirklich?«
»Ich glaube, mir ist gar nicht richtig klar geworden, was mich derart gewurmt hat. Erst jetzt, wo du es mir mitten ins Gesicht geschleudert hast. Aber, ja, ja, ich glaube, das hat irgendwo tief drin in mir seit jener Nacht herumgefressen. Die ser Anblick, wie Delagards Pfote zwischen deinen Schenkeln herumwühlt. Wie er mit seinen Lippen deine Brüste besabbert.« Lawler schloß kurz die Augen. »Es war ja nicht deine Schuld. Ich führ mich auf wie ein blöder unreifer Junge!«
»Da geb ich dir in allen Punkten recht. Du warst ziemlich dumm. Und ich möchte dir nur nachdrücklich sagen, daß ich unter normalen Umständen mich in einer Million Jahren nicht von Delagard hätte aufs Kreuz legen lassen. Nicht mal wenn er der letzte Mann in der ganzen Galaxis gewesen wäre!«
Lawler lächelte. »Ja, der Teufel hat dich dazu getrieben.«
»Nein, diese Napfschnecke.«
»Das kommt aufs gleiche raus.«
»Wenn du meinst… Aber es ist nie wirklich geschehen. Jedenfalls nicht durch einen bewußten Akt meinerseits. Und ich bemühe mich mit allen meinen Kräften, es ungeschehen zu machen. Versuch du das doch bitte auch, Val. Ich liebe dich.«
Er starrte sie verblüfft an. Einen solchen Ausdruck von Gefühl hatte es bisher zwischen ihnen noch nie gegeben. Und er hätte sich auch nie träumen lassen, daß dieses Wort je zwischen ihnen gesagt werden würde. Es war so lange her, daß jemand zu ihm gesagt hatte ›ich liebe dich‹, daß er sich nicht mehr zu erinnern vermochte, wer es gewesen war.
Und was jetzt? Erwartete sie, daß er dieses Wort auch zu ihr sagte?
Sie lächelte ihn breit an. Sie erwartete nicht, daß er überhaupt etwas sagte. Sie kannte ihn einfach zu gut.
»Komm her, Doktor«, sagte sie. »Ich brauch ein bißchen mehr von deiner gründlichen Untersuchung.«
Lawler warf einen Blick über die Schulter, um zu sehen, ob die Tür des Sanitätsraumes verschlossen war. Dann griff er nach ihr.
»Gib acht auf meine Brandblasen«, sagte sie.
Objekte wie riesige Periskope erhoben sich aus der See, blitzende zwanzig Meter hohe Halme, an deren Spitze blaue fünfseitige Polygone saßen. Stundenlang beobachteten sie aus einer Entfernung von etwa fünfhundert Metern das Schiff mit kühler Unbeirrbarkeit. Es handelte sich offensichtlich um Stielaugen. Aber zu welchem Geschöpf gehörten sie?
Dann glitten diese Periskope ins Wasser zurück und kamen nicht wieder herauf. Als nächstes erschienen große gähnende Mäuler, riesenhafte Geschöpfe, die jenen des Heimatmeeres ähnelten, aber viel größer waren; groß genug, so schien es, die Queen of Hydros auf einmal zu verschlucken. Auch sie hielten sich auf Distanz und erhellten die See Tag und Nacht mit ihrer grünlichen Phosphoreszenz. Zwar hatte man noch nie gehört, daß Mäuler auf Hydros Schiffen irgendwie Schwierigkeiten gemacht hätten, doch hier handelte es sich um die Mäuler des Leeren Meeres, und hier war schließlich alles möglich. Auf jeden Fall waren diese dunklen Schlünde ein beunruhigender und bedrohlicher Anblick.
Auch das Wasser wies hier mehr und mehr Phosphoreszenz auf. Die Wirkung war anfangs schwach, nur ein leises Zittern von Farbe, ein schwaches bezauberndes Glühen. Dann nahm die Intensität zu. Das Heckwasser des Schiffs lag nachts wie eine Feuerspur auf dem Wasser. Selbst am Tage wirkten die Wellen nun wie Feuer. Die Gischt, die hin und wieder überkam, glitzerte hell.
Ein Regen stechender Quallen ging auf sie nieder. Es folgte eine Show von verrückt umhertollenden Tauchern, die aus dem Meer schossen und sich so hoch in die Luft schleuderten, als wollten sie zu fliegen versuchen. Dann kam etwas, das aussah wie von zerfaserten Stricken zusammengebündelte hölzerne Pfosten, über die Wasserfläche gewandert, und obenauf saß in der Mitte in einer geöffneten Kapsel ein winziges kugeliges vieläugiges Geschöpf; es sah aus, als bewegte es sich auf Stelzen.
Dann, eines Morgens, als Delagard über die Reling spähte — er war jetzt beständig auf der Hut vor Angriffen aus allen erdenklichen Richtungen —, zuckte er hastig zurück und brüllte: »Ja, verdammt noch mal, Kinverson, Gharkid, her zu mir, schaut euch das da mal an!«
Lawler gesellte sich zu ihnen. Delagard deutete senkrecht nach unten. Zuerst sah Lawler nichts Ungewöhnliches, doch dann bemerkte er, daß das Schiff etwa zwanzig Zentimeter unter der Wasseroberfläche eine Art Unterrock mit sich schleppte, eine Wucherung von irgendeinem gelblichen faserigen Zeug, das sich rings um den ganzen Schiffskörper etwa einen Meter weit ausbreitete. Nein, nicht so sehr ein Unterrock, entschied Lawler, es sah mehr aus wie ein Sims oder ein Schelf von etwas Holzähnlichem.
Delagard wandte sich zu Kinverson: »Hast du so was schon je zuvor gesehen?«
»Nicht daß ich wüßte.«
»Und du, Gharkid?«
»Nein, Capt’n-Sir, noch nie.«
»Irgendein Tang, der sich an uns festgesetzt hat und auf uns wächst? Was meinst du, Gharkid?«
Gharkid zuckte die Achseln. »Es is mir ’n Rätsel, Sir.«
Delagard ließ ein Fallreep überbringen und stieg über die Reling, um die Sache zu inspizieren. Er hielt sich mit einer Hand an der Strickleiter dicht überm Wasser fest und beugte sich dann weit nach draußen und unten. Mit einem langstieligen Entenmuschelschaber stocherte er an der unbekannten Wucherung herum. Fluchend und rot im Gesicht kam er wieder an Bord.
Das Problem, sagte er, liege an diesem Unkraut, der Seehirse, die wie ein sich beständig erneuerndes schützendes Netz an der Außenwandung des Schiffes wachse und so die Außenplanken schütze. »Und da hat sich jetzt irgend so ein einheimisches Gewächs mit reingehängt. Vielleicht eine verwandte Art. Oder ein Symbiont. Egal was, es wuchert jedenfalls um diese Fingerhirse herum, setzt sich so schnell wie möglich fest und wuchert dann wie wahnsinnig. Der Schelf ist jetzt schon so groß, daß er unsere Fahrt merklich bremst. Aber wenn das Zeug ebenso rasch weiterwächst, dann werden wir in ein paar Tagen endgültig festsitzen.«
»Und was machen wir dagegen?« fragte Kinverson.
»Hast du einen Vorschlag?«
»Daß jemand im Wassergleiter rausgeht und das verdammte Zeug wegschneidet, solang es noch geht.«
Delagard nickte. »Gute Idee. Ich übernehm freiwillig die erste Schicht. Kommst du mit?«
»Klar, wieso nicht?« sagte Kinverson.
Die beiden kletterten in den Wassergleiter. Martello bediente die Davits, hievte das Fahrzeug hoch und weit über die Reling hinaus, weit genug jedenfalls über den Rand des Wucherungsschelfs, ehe er es aufs Wasser niederließ.
Die Kunst oder der Trick bestand darin, so schnell zu treten, daß der Wassergleiter schwamm, aber eben nicht so schnell, daß der Mann mit dem Muschelschaber daran gehindert wurde, die unerwünschten Wucherungen wegzuschneiden. Anfangs fiel es ihnen schwer. Kinverson, der den Schaber hielt, nutzte die Länge des Stiels und seiner Arme so gut wie möglich und beugte sich hinüber, um auf das Gewächs einzuhacken; doch er konnte nur ein paar Hiebe ausführen, und schon war der Gleiter an der Stelle vorbeigeschossen, an der er arbeitete, und wenn sie wieder Tempo wegnahmen, an die Stelle zurückkehrten und versuchten, das Gefährt länger dort zu stabilisieren, verlor es an Auftrieb und begann zu sinken.
Aber nach einer Weile bekamen sie die Sache in den Griff. Delagard strampelte, Kinverson hackte. Als dieser sichtlich langsamer wurde, wechselten sie die Plätze. Ein riskantes Manöver auf dem tanzenden Fahrzeug, bis sie aneinander vorbeigestiegen und Delagard vorn und Kinverson an den Pedalen war.
»Also, nächste Schicht!« rief Delagard schließlich. Er hatte sich mit seinem üblichen besessenen Eifer in die Arbeit gestürzt und wirkte jetzt erschöpft. »Zwei neue Freiwillige! Leo, hab ich da grad gehört, du übernimmst die nächste Schicht? Und du, Lawler?«
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