Robert Silverberg - Über den Wassern

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Auf der Wasserwelt Hydros leben seit Generationen Siedler von der Erde friedlich nebeneinander mit den amphibischen Eingeborenen des Planeten. Als eines Tages ein Fischer ein paar von den intelligenten Fischen im Meer tötet, haben die Menschen ihr Siedlungsrecht verwirkt. Sie müssen ihre kleinen schwimmenden Inseln, die ihnen längst zur Heimat geworden sind, verlassen und sind gezwungen, ein geheimnisvolles dunkles Land zu sucher, das vielleicht nur in den Sagen existiert.

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Doch in der Dämmerung tauchten die Drakken unter, und zwar allesamt gleichzeitig in der für sie charakteristischen Simultanaktion, als wären sie alle von einer übergeordneten Größe drunten verschluckt worden. Delagard war allerdings nicht überzeugt, daß sie fort waren, und ließ das Deck die ganze Nacht hindurch patrouillieren. Doch es erfolgte kein Angriff, und am nächsten Morgen war von den Drakken nirgendwo etwas zu sehen.

* * *

Später am selben Nachmittag, als bereits die Dämmerung hereinbrach, trieb eine gewaltige amorphe, irgendwie fahle und viskose Masse von Luv am Schiff vorbei. Sie erstreckte sich viele hundert Meter weit, vielleicht mehr. Es hätte fast so etwas wie eine ›Insel‹ von unbekannter Struktur sein können, so groß war das Ding: eine kolossale schwabbelige Insel, ganz aus Mukosa, eine gewaltige Ansammlung von Schleim und Rotz. Als sie näher kamen, stellten sie fest, daß das gewaltige runzlige Blasending effektiv lebendig war, oder doch jedenfalls partiell. Die fahlgelbe eipuddingähnliche Oberfläche erzitterte sacht in stoßhafter Rhythmik, trieb kleine kugelige Protuberanzen hoch, die fast sofort wieder in die Gesamtmasse zurücksackten.

Dag Tharp spielte den Clown. »Endlich! Ladies and Gentlemen! Hier seht ihr es: Das Antlitz — Die Feste — Das Land über dem Wasser — Endlich!«

Kinverson lachte. »Also wenn ihr mich fragt — für mich sieht das eher aus wie das Gegenteil von ’nem Gesicht — eher wie das andere Ende.«

»Aber seht doch!« sagte Martello. »Es schweben Lichtzungen davon auf und flackern in der Luft umher. Wie wunderschön das ist!«

»Wie Glühwürmchen«,sagte Quillan.

»Glühwürmchen?« fragte Lawler.

»Die gibt es auf Sunrise. Insekten mit Leuchtorganen. Du weißt doch, was das ist, Insekten? Auf dem Land lebende sechsbeinige Arthropoden, die auf den me isten Welten ungemein verbreitet sind. Diese Glühwürmer, Leuchtkäfer, Feuerfliegen sind Insekten, die in der Dämmerung ausschwärmen und dann ihre Lichtlein an- und ausblinken. Ein sehr hübscher, sehr romantischer Effekt. So ähnlich wie dies hier.«

Lawler betrachtete sich das Ganze. Doch, ja, es war ein schöner Anblick: Fragmente der gewaltigen trägschwappenden treibenden Masse lösten sich ab, hoben sich, wurden von der leichten Brise aufwärts getragen, begannen zu glühen und scharfe gelbe Leuchtblitze abzugeben wie flirrende Miniatursönnchen. Die ganze Luft war von ihnen erfüllt, es waren viele Dutzende, Hunderte. Sie segelten auf dem Wind, hoben sich, sanken nieder, hoben sich erneut, stürzten und stiegen wieder auf. Und dabei blinkten sie unablässig: An-aus-an-aus-an-aus…

Aber auf dem Planeten Hydros bedeutete Schönheit fast immer, daß Anlaß bestand zu Vorsicht und Argwohn. Und bei dem Tanz dieser ›Feuerfliegen‹ verspürte Lawler mehr und mehr ein starkes Unbehagen.

Da kreischte plötzlich Lis Nikiaus: »Das Segel brennt!«

Lawler sah nach oben. Einige der Glühwürmchen waren über das Schiff getrieben, und wo sie gegen eins der Segel stießen, hatten sie sich festgesetzt und durch ihr stetiges Glühen das dichte Seebambusgewebe entzündet. An einem Dutzend Stellen kräuselten dünne Rauchspiralen nach oben; kleine rote Brandsäume im Gewebe wurden sichtbar. Kurz: Das Schiff stand unter Beschuß.

Delagard brüllte Befehle, um den Kurs zu wechseln. Die Queen setzte sich so rasch wie möglich von der feindlichen Geschwulst an ihrer Flanke ab. Alle, die nicht für die Segelmanöver benötigt wurden, wurden hinaufgeschickt, um das Tuch zu schützen. Lawler kletterte neben den anderen in der Takelung umher und schlug auf die Fünkchen ein, wenn die sich in den Segeln festfressen wollten, und kratzte jene fort, die dort bereits saßen. Sie waren nicht besonders heiß, aber ausdauernd, und die konstante Abgabe von Wärmeenergie war es denn auch, welche das Material in Brand setzte. Lawler sah die verkohlten Stellen, an denen man sie noch rechtzeitig beseitigen konnte, und an anderen Stellen blinkte Sternenlicht durch die kleinen Löcher — und hoch droben im Topp am Vormast eine grellrote Flammenzunge mit einer schwarzen Rauchspur, dort brannte der Stoff bereits.

Kinverson kletterte behende dorthin und hieb mit den Pranken auf die Brandstelle ein, um die Flamme zu ersticken. Und die hellen Flämmchen erstickten unter seinen Fäusten, als benutzte er einen Zaubertrick. Kurz darauf war nichts weiter als ein müdes Glimmen sichtbar, und dann erlosch auch dies. Der Glühwurm, die Feuerfliege, die den Brand verursacht hatte, war längst fort und aufs Deck gesunken, als das Segeltuch um es herum löcherig wurde. Das zurückbleibende Loch war etwa kopfgroß.

Dann kam das Schiff in den Wind und fuhr rasch nach Südwest davon. Der häßliche Feind vermochte nicht mit dem gleichen Tempo zu folgen und war bald hinter; ihnen außer Sicht. Aber seine niedlichen Absprengsel, die flirrenden schwebenden Glühwürmchen, folgten ihnen im Wind in immer geringerer Zahl mit der Brise stundenlang, und es dämmerte bereits, als Delagard es für sicher genug hielt, die Feuerbrigade aus der Takelung zurück an Deck zu beordern.

Sundira war die nächsten drei Tage hindurch damit beschäftigt, die Segel zu flicken, und Kinverson, Pilya und Neyana halfen dabei. Das Schiff machte keine Fahrt, solange die Spieren nackt waren. Die Luft war reglos; die Sonne war unangenehm stark; die See blieb ruhig. Hin und wieder blinkte in der Ferne eine Finne über dem Wasser auf. Und Lawler hatte das Gefühl, daß sie mittlerweile ständig unter Beobachtung waren.

Und er rechnete sich aus, daß er noch einen Wochenvorrat von Taubkrauttinktur hatte. Im Idealfall.

* * *

Und wieder kam eine im Meer treibende Kreatur vorbei, und sie war weder so gigantisch, noch so abstoßend wie die vorherige, noch so feindselig: Es war ein großes Ei, völlig ohne Oberflächenstruktur, völlig glatt, aber von einem angenehm strahlenden smaragdgrünen Leuchten erfüllt. Es ragte zur Hälfte aus dem Wasser, doch die See war hier dermaßen durchsichtig, daß man auch die schimmernde untere Hälfte deutlich sehen konnte. Das Objekt hatte schätzungsweise zwanzig Meter Umfang und ungefähr zehn, fünfzehn Meter Länge von dem untergetauchten Hinterende bis zur gerundeten Spitze.

Delagard war unruhig und rechnete anscheinend mit allem möglichen; jedenfalls befahl er alle Mann an Deck und an die Reling, wo sie mit Spießen und Gaffeln bewaffnet warten mußten. Aber das Ei-Ding glitt so harmlos wie eine Frucht vorbei. Wahrscheinlich war es ja auch gar nichts weiter als ein Ei. Am selben Tag kamen zwei weitere dieser Eier vorbei. Davon war das erste rundlich-kugeliger als das allererste, das zweite etwas mehr länglich, aber ansonsten sahen sie aus, als wären sie von der gleichen Art. Und außerdem schienen sie die Queen überhaupt nicht zu bemerken. Was diesen Eiern fehlt, dachte Lawler, sind riesige glitzernde Glubschaugen, damit sie das Schiff besser sehen können, während sie vorbeitreiben. Aber die ›Gesichter‹ waren blind, glatt, rätselhaft und ärgerlich ausdruckslos. Doch es haftete ihnen etwas seltsam Feierliches an, eine ruhige Schwere. Father Quillan sagte, sie erinnerten ihn an einen Bischof, den er einst gekannt hatte. Und dann mußte er der gesamten Crew erklären, was denn ein ›Bischof‹ sei.

Und nach den Eiern kam eine Spezies von Fliegenden Fischen, die jedoch weder Verwandte von den eleganten regenbogenfarbig schimmernden heimischen Spezies des Mare Nostrum waren, noch irgendwie den gräßlichen Hexenfischen der offenen Ozeane glichen. Diese hier waren zerbrechlich wirkende, etwa fünfzehn Zentimeter lange schimmernde Geschöpfe mit graziösen durchsichtigen Schwingen, die sie zu unglaublichen Höhen emportrugen. Man konnte sie aus der Ferne schon sehen, wie sie nahezu senkrecht aus dem Wasser aufstiegen und ungewöhnlich weit flogen, ehe sie erneut ins Meer tauchten, und dies nahezu, ohne daß das Wasser aufspritzte. Und Augenblicks darauf waren sie wieder in den Lüften und tauchten hinab und flogen wieder hinauf und wieder hinab, und kamen mit jedem Bewegungszyklus näher an das Schiff heran, bis sie schließlich dicht steuerbord waren.

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